Wer Jiaogulan als Tee oder Nahrungsergänzung nutzen möchte, fragt sich meist, ob die Pflanze tatsächlich mehr kann als angenehm süßlich schmecken. Ich ordne die mögliche Wirkung von Jiaogulan, die wichtigsten Inhaltsstoffe, den Stand der Forschung, sinnvolle Anwendungen und mögliche Risiken für den Alltag in Deutschland ein.
Die wichtigsten Punkte zur Wirkung von Jiaogulan auf einen Blick
- Blutzucker: Kleine klinische Studien zeigen mögliche Verbesserungen, ersetzen aber keine Diabetesbehandlung.
- Blutfette: Es gibt Hinweise auf günstigere Cholesterin- und Triglyceridwerte, die Beweislage ist jedoch nur begrenzt belastbar.
- Inhaltsstoffe: Besonders interessant sind die sogenannten Gypenoside, eine Gruppe pflanzlicher Saponine.
- Darreichung: Jiaogulan wird meist als Tee, getrocknetes Kraut oder Extrakt angeboten. Die Produkte sind nicht direkt vergleichbar.
- Sicherheit: Bei Medikamenten, Schwangerschaft, Stillzeit, Leber- oder Nierenerkrankungen ist ärztlicher Rat sinnvoll.

Was Jiaogulan besonders macht
Jiaogulan heißt botanisch Gynostemma pentaphyllum und gehört zur Familie der Kürbisgewächse. Die rankende Pflanze stammt aus Südostasien und wird traditionell als Tee oder Gemüse verwendet. Im deutschsprachigen Raum wird sie gern als „Kraut der Unsterblichkeit“ bezeichnet, was allerdings eher ein werblicher Name als eine wissenschaftliche Aussage ist.
Für die Forschung sind vor allem die Gypenoside interessant. Dabei handelt es sich um dammaranartige Saponine, die chemisch teilweise an Inhaltsstoffe des Ginsengs erinnern. Jiaogulan ist trotzdem kein Ginseng und sollte auch nicht mit dessen Wirkprofil gleichgesetzt werden.
Ich halte diesen Unterschied für wichtig, weil viele Produktbeschreibungen aus einem möglichen biologischen Mechanismus gleich ein Gesundheitsversprechen machen. Im Labor lassen sich antioxidative und entzündungshemmende Effekte beobachten. Daraus folgt aber noch nicht automatisch, dass ein Tee beim Menschen eine bestimmte Krankheit verhindert oder behandelt.
Welche Wirkungen wissenschaftlich interessant sind
Blutzucker und Insulinempfindlichkeit
Am besten untersucht ist Jiaogulan bisher im Zusammenhang mit dem Zuckerstoffwechsel. In einer kleinen Studie tranken Menschen mit Typ-2-Diabetes zwölf Wochen lang täglich einen Tee aus Jiaogulan. Dabei verbesserten sich Nüchternblutzucker, Langzeitblutzucker und ein Messwert für die Insulinresistenz stärker als in der Vergleichsgruppe.
Auch eine 2026 veröffentlichte Meta-Analyse mit acht Studien und 584 Personen deutet auf eine mögliche Senkung von Nüchternblutzucker und HbA1c hin. Die Aussagekraft bleibt trotzdem eingeschränkt, weil die Studien unterschiedliche Extrakte, Dosierungen und Behandlungszeiträume verwendeten. Jiaogulan ist daher höchstens eine ergänzende Option und kein Ersatz für Medikamente, Bewegung oder eine abgestimmte Ernährung.
Cholesterin und Triglyceride
Für erhöhte Blutfette gibt es ebenfalls klinische Untersuchungen. Eine systematische Auswertung von 22 randomisierten Studien mit 2.407 Teilnehmenden fand mögliche Vorteile bei Gesamtcholesterin, Triglyceriden und HDL-Cholesterin. Die Qualität der Evidenz wurde jedoch überwiegend als niedrig oder sehr niedrig eingestuft.
Das bedeutet praktisch, dass ein günstiger Effekt möglich ist, aber nicht zuverlässig vorausgesagt werden kann. Wer bereits ein Statin oder ein anderes Lipidsenker-Medikament einnimmt, sollte Jiaogulan nicht eigenständig hinzufügen. Die Studien liefern keine ausreichenden Daten zu Wechselwirkungen mit solchen Arzneimitteln.
Stress, Müdigkeit und allgemeines Wohlbefinden
Jiaogulan wird häufig als adaptogene Pflanze beworben. Damit sind Pflanzen gemeint, die den Körper bei Belastung unterstützen sollen. Für weniger Stress, bessere Belastbarkeit oder mehr Energie existieren erste kleine Studien, doch die Ergebnisse sind noch nicht stabil genug für eine klare Empfehlung.
Meine Einschätzung fällt hier nüchtern aus. Als koffeinfreier Tee kann Jiaogulan eine angenehme Abend- oder Alltagstradition sein. Einen verlässlichen leistungssteigernden Effekt würde ich daraus aber nicht ableiten, besonders nicht bei anhaltender Erschöpfung, Schlafmangel oder einer ungeklärten Erkrankung.
Was Tee, Pulver und Extrakt voneinander unterscheidet
| Form | Typische Verwendung | Worauf es ankommt |
|---|---|---|
| Getrocknete Blätter | Teeaufguss | Die Stärke hängt von Blattmenge, Ziehzeit und Qualität ab. |
| Pulver | Zum Einrühren in Getränke oder Speisen | Die Menge an Gypenosiden ist oft nicht standardisiert. |
| Extrakt | Kapseln oder Tropfen | Höhere Konzentration, aber nicht automatisch bessere Wirkung. |
Die in Studien verwendeten Mengen lassen sich nicht einfach auf jedes Produkt übertragen. Untersucht wurden unter anderem Teeportionen von etwa 6 Gramm täglich sowie Extrakte im Bereich von ungefähr 400 bis 450 Milligramm pro Tag. Das sind Studienbedingungen und keine allgemeine Dosierungsempfehlung.
Für den privaten Gebrauch würde ich zunächst auf ein Produkt mit klarer botanischer Bezeichnung, nachvollziehbarer Herkunft und verständlicher Verzehrempfehlung achten. Besonders bei Extrakten sollte angegeben sein, ob und wie der Gehalt an Gypenosiden standardisiert wurde. Je unklarer die Zusammensetzung, desto vorsichtiger sollte man die Wirkung beurteilen.
Beim Tee ist die Wirkung vermutlich milder und schwerer zu dosieren. Das kann für Menschen, die Jiaogulan nur als Kräutertee ausprobieren möchten, ein Vorteil sein. Ein konzentriertes Präparat ist dagegen nicht automatisch die bessere Wahl, sondern bringt auch ein größeres Risiko für unerwünschte Wirkungen und Wechselwirkungen mit sich.
Welche Nebenwirkungen und Risiken wichtig sind
In den bisherigen klinischen Untersuchungen wurde Jiaogulan meist kurzfristig und insgesamt gut vertragen. Berichtet wurden unter anderem Übelkeit, Durchfall, Bauchbeschwerden, Kopfschmerzen, Schwindel und Hautreaktionen. In einer neueren Studie mit 100 Erwachsenen trat eine milde unerwünschte Reaktion auf, schwere Ereignisse wurden nicht beobachtet.
Diese Ergebnisse sind beruhigend, beweisen aber keine langfristige Unbedenklichkeit. Viele Studien waren klein, liefen nur wenige Wochen oder Monate und untersuchten standardisierte Präparate. Für tägliche Einnahme über Jahre gibt es deutlich weniger verlässliche Daten.
Vorsicht bei Medikamenten
Jiaogulan kann möglicherweise den Blutzucker und die Blutfette beeinflussen. Dadurch könnten sich Effekte von Antidiabetika oder blutzuckersenkenden Therapien verstärken. Auch bei Blutdruck- und Gerinnungsmedikamenten sind Wechselwirkungen nicht ausreichend geklärt.
Wer regelmäßig Arzneimittel einnimmt, sollte das Produkt vor der ersten Anwendung in der Arztpraxis oder Apotheke vorlegen. Das gilt besonders bei einer geplanten Operation, bei Immunsuppression sowie bei Leber- oder Nierenerkrankungen. „Natürlich“ bedeutet nicht, dass eine Substanz pharmakologisch unwirksam ist.
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Schwangerschaft, Stillzeit und Kinder
Für Schwangerschaft und Stillzeit fehlen verlässliche Sicherheitsdaten. Ich würde Jiaogulan in diesen Lebensphasen deshalb nicht eigenständig verwenden. Auch für Kinder gibt es keine solide Grundlage, aus der sich eine sichere Dosierung ableiten lässt.
Wofür Jiaogulan sinnvoll sein kann und wofür nicht
Als gelegentlicher Kräutertee kann Jiaogulan eine unkomplizierte Ergänzung zu einem gesundheitsbewussten Alltag sein. Wer den Geschmack mag und keine Medikamente einnimmt, kann mit einer kleinen Menge beginnen und beobachten, wie der Körper reagiert. Bei Beschwerden sollte die Einnahme beendet werden.
Weniger sinnvoll ist die Pflanze als schnelle Lösung für Diabetes, hohen Cholesterinspiegel, Bluthochdruck oder Übergewicht. Diese Probleme brauchen eine Diagnose, Verlaufskontrollen und meist mehrere abgestimmte Maßnahmen. Jiaogulan kann eine medizinische Behandlung nicht ersetzen und sollte auch nicht dazu dienen, notwendige Untersuchungen hinauszuzögern.
Vorsicht ist auch bei Versprechen wie „entgiftet den Körper“, „verbrennt Fett“ oder „verlängert das Leben“ angebracht. Solche Aussagen gehen deutlich über das hinaus, was sich aus der aktuellen Humanforschung ableiten lässt. Pflanzenextrakte können interessant sein, aber sie sind kein Freifahrtschein für große Gesundheitsversprechen.
Wenn das Ziel ein bestimmter Messwert ist, etwa der Nüchternblutzucker, sollte man nicht nur das eigene Gefühl beurteilen. Sinnvoller sind die Werte, die ohnehin ärztlich kontrolliert werden. So lässt sich erkennen, ob sich tatsächlich etwas verändert oder ob lediglich eine kurzfristige Schwankung vorliegt.
Meine Einordnung für den Alltag
Die Jiaogulan-Wirkung ist biologisch plausibel und in einigen Bereichen klinisch interessant, besonders beim Zuckerstoffwechsel und bei den Blutfetten. Die vorhandenen Studien machen die Pflanze zu einem spannenden Forschungsgegenstand, rechtfertigen aber noch keine umfassenden Heilversprechen.
Für gesunde Erwachsene kann ein transparenter Jiaogulan-Tee in moderaten Mengen eine vertretbare Ergänzung sein. Bei konzentrierten Extrakten, bestehenden Erkrankungen oder regelmäßiger Medikamenteneinnahme überwiegt für mich der Nutzen einer kurzen Rücksprache mit einer Fachperson.
Die beste Entscheidung hängt deshalb weniger vom klangvollen Namen des Produkts ab als von realistischen Erwartungen, geprüfter Qualität und der persönlichen gesundheitlichen Situation. Genau dort liegt der Unterschied zwischen einer sinnvollen pflanzlichen Ergänzung und einem überteuerten Versprechen.